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Jüdische Orte

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Die Synagoge (Haus Nr. 87, heute An der Nebelbeeke 3)

Die bisher älteste Nachricht von der Existenz einer Synagoge in Meimbressen stammt aus dem Jahre 1712: Jakob Kugelmann, Sohn des Michael Kugelmann, wird als Eigentümer eines Wohnhauses „mit Synagoge und Garten“ genannt. Vom Beginn des 19. Jahrhunderts ist in alten Gemeindeakten belegt, dass Moses Goldwein in seinem Haus eine Stube als Betraum eingerichtet hatte, die von der Gemeinde unentgeltlich genutzt werden konnte.

Offenbar erwies sich dieser Raum im Laufe der Jahre zunehmend als ungeeignet für seinen Zweck als Privatsynagoge, denn 1831 erwarb die jüdische Gemeinde von Elisabeth Meyer für 320 Reichstaler ein altes unbewohntes Bauernhaus, das sie für gottesdienstliche und unterrichtliche Zwecke umbauen wollte.

1833 hatte Kreisrat Giesler aus Hofgeismar die bisher in Meimbressen vorhandene Privatsynagoge selbst in Augenschein genommen und diese „in einem so schlechten Zustande gefunden, daß allerdings der Bau einer neuen Synagoge sehr wünschenswert“ erschien.  Dennoch konnte der Umbau des angekauften Gebäudes zur Synagoge mit einem Schullokal, einer Lehrerwohnung und einer Mikwe erst neun Jahre später in Angriff genommen werden. Finanzielle Gründe waren dafür ausschlaggebend, „da die israelitische Gemeinde zu Meimbressen zu unvermögend ist, um die nötigen Kosten auf die angetragene Weise herbeizuschaffen.“  So musste sich die Gemeinde die benötigte Geldsumme für die Baumaßnahme borgen und zusätzliche Spenden akquirieren.

Nachdem Landesbaumeister Schnackenberg (Hofgeismar) 1835 und 1840 einen Riß und einen Kostenvoranschlag erstellt hatte, konnte der Umbau des Gebäudes 1842 endlich begonnen werden. 500 Reichstaler musste sich die jüdische Gemeinde borgen und gemeinschaftlich für diese Summe bürgen.

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Außenaufnahme der Synagoge in Meimbressen 1928 (Foto: Landesamt für Denkmalpflege, Marburg)

Bei dem auf einem Bruchsteinsockel errichteten Synagogengebäude handelte es sich um ein zweigeschossiges Gebäude, das z.T. in Fachwerkbauweise, teilweise aber auch massiv mit Ziegelmauerwerk auf einem rechteckigen Grundriss mit einem steilen Satteldach errichtet worden war. Zunächst wurde der rechte Gebäudeteil umgebaut. In ihm befand sich mit einem separaten Eingang der Synagogenraum einschließlich einer Frauenempore im Obergeschoss, zwei dreifach unterteilten Rundbogenfenstern und einer Auslucht in der Ostwand für den Thoraschrein. Ebenfalls im Erdgeschoss wurde das Ritualbad (Mikwe) der Gemeinde eingerichtet.  Der erst in den Folgejahren hinzugekommene Schulraum und die Lehrerwohnung waren durch eine zweite – schmalere – Eingangstür im westlichen Teil des Gebäudes zugänglich.  Ein entsprechender Umbau erfolgte mutmaßlich im Zuge der Gründung einer jüdischen Volksschule in Meimbressen 1844.  Hier gab es ursprünglich auch einen separaten Raum mit einem Backofen, um jedes Jahr vor Pessach Mazzen backen zu können, zu dessen Nutzern, bis zu seiner Zerstörung durch einen Brand, auch auswärtige Juden gehörten.

Am 1842 wurde der Synagogenraum unter Beteiligung zahlreicher auswärtiger Gäste eingeweiht. Die Gesamtsumme für den Umbau und die Einrichtung betrug 1342 Taler, 24 Silbergroschen und 8 Heller. Die Weiherede hielt der Zierenberger Lehrer Jakob Gutkind (1800-1884). Zur Erinnerung an den Umbau wurde am Gebäude selbst eine eichene Bohle mit folgender eingeschnitzter Inschrift angebracht: „Zur Ehre Gottes und unter seinem Beistande wurde von der israelitischen Gemeinde unter den Gemeindeältesten Neuhahn und Katzenstein der Bau der Synagoge ausgeführt am 1. Juni 1842.“

Bekannt ist, dass die Synagoge in ihrer beinahe hundertjährigen aktiven Nutzung dreimal renoviert wurde. Ungefähr 1897 erhielt der Synagogenraum auf Betreiben von Lehrer Abraham Hammerschlag einen Holzfußboden, der von den Anfang der 1860er Jahre aus Meimbressen nach Cumberland (USA) emigrierten Brüdern Simon und Susmann Rosenbaum finanziert wurde. Sie stellten fünf Jahre später noch einmal einen Geldbetrag zur Verfügung, so dass auch das Innere der Synagoge renoviert werden konnte. 1926 erhielt das Gebäude erneut einen neuen Anstrich: „Das Innere der Synagoge ist in künstlerischen Farbentönen hergestellt; eine neue Menora und schöne Ampeln erleuchten den Raum auf’s beste. Der Fußboden ist mit Teppichen belegt.“  Auch hier hatten wieder die Brüder Rosenbaum und der ebenfalls aus Nordhessen in die USA emigrierte Kaufmann Max Klee (Chicago) einen namhaften finanziellen Beitrag geleistet.

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Innenaufnahme der Synagoge in Meimbressen 1928 (Foto: Landesamt für Denkmalpflege, Marburg)

Der Gottesdienstraum war für 46 Männer und auf der Empore noch einmal für 30 Frauen ausgelegt. Vor dem Thoraschrein (Aron Hakodesch) mit seinem goldbestickten Vorhang (Parochet) stand eine zweigeteilte asymmetrische Beschneidungsbank, rechts daneben an der Wand das Lesepult für den Vorbeter bzw. Kantor (Omed). Dominiert wurde der Raum durch das Podest (Bima) mit Vorlesepult und Wickelbank. Nach der Aussage des emigrierten Adolf Goldwein aus dem Jahr 1952 besaß die Meimbresser Gemeinde fünf Thorarollen (Sefer Thora). 

Im damaligen Landkreis Hofgeismar war die Meimbresser Synagoge die einzige, die im Zusammenhang des reichsweiten Novemberpogroms 1938 „demoliert“ wurde.  Dies geschah am 9.  November 1938. Mitglieder der Meimbresser SA und HJ, verstärkt durch Nazis aus den Nachbarorten Weimar, Ehrsten und Fürstenwald brachen die Türen in das verschlossene Gebäude auf und verwüstete die Inneneinrichtung des Synagogenraums. Der Kronleuchter wurde herabgerissen, religiöse Literatur und Gebetbücher aus dem Wandregal bzw. den Fächern in den Bankreihen gewaltsam entfernt; Thorarollen und Kultgegenstände, darunter 20 Thoramäntel und 3 Vorhänge für den Schrein, 5 Thorazeiger (Jad Thora), eine Thorakrone (Keter Thora) und zwei silberne Chanukka-Leuchter, wurden z.T. in die Nebelbeke geworfen. Vier geschändete Thorarollen sollen später – den religiösen Vorschriften entsprechend – von Mitgliedern der jüdischen Gemeinde heimlich auf dem jüdischen Friedhof beerdigt worden sein.  Eine Sefer Thora konnte gerettet und vom damaligen Gemeindevorsteher Jakob Frankenberg nach Kassel zur Verwahrung in die dortige Jüdische Gemeinde gebracht werden. 

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Gedenktafel für die zerstörte Meimbresser Synagoge (Foto: M. Dorhs, 2022)

Anfang der 1940er Jahre wurde in den Räumen des Synagogengebäudes ein Kindergarten eingerichtet.  Nach dem 2. Weltkrieg erwarb die Gemeinde Meimbressen die frühere Synagoge von der JRSO und ließ sie – aufgrund der angespannten Wohnraumlage durch die vielen Flüchtlinge und Vertriebenen aus den deutschen Ostgebieten – zu einem Wohnhaus umbauen.  Dazu wurde – vermutlich bereits 1949 – zunächst der leere Synagogensaal und dann 1970 auch der Westteil mit den Schulräumen abgebrochen.

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Nach dem 2. Weltkrieg errichtetes Wohnhaus am Standort der früheren Meimbresser Synagoge
(Foto: M. Dorhs, 1984)
Die Jüdische Schule

 

Eine israelitische Elementarschule wurde 1844 gegründet.  Sie war im Westteil des Synagogengebäudes untergebracht und bestand bis zu ihrer Aufhebung 1933/34. Über ihre Geschichte existiert von dem letzten dort tätigen Lehrer Herbold Löwenstein (1872-1944) ein kenntnisreicher Aufsatz aus dem Jahr 1926. In seiner 24jährigen Amtszeit war Löwenstein eine prägende Persönlichkeit innerhalb der jüdischen Gemeinde und genoss auch darüber hinaus im Dorf hohes Ansehen. Da „zwischen der evangl. und der israel. Schule in Meimbressen (…) das beste Einvernehmen [besteht], ebenso zwischen den beiden Bekenntnissen in der Bevölkerung,“ unterrichtete er immer wieder vertretungsweise auch die nichtjüdischen Kinder in der Volksschule am Opferberg. Seit Ostern 1933 besuchten die wenigen jüdischen Schulkinder – 1932 waren es noch 13 – die Ev. Volksschule des Dorfes. Löwenstein selbst wurde zum 1.5.1933 zunächst beurlaubt und dann zum 1.1.1934 in den Ruhestand versetzt.

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Klassenbild auf dem Schulhof der neuen Schule mit den Lehrern Herbold Löwenstein (l.) und Heinrich Schmittmann (r.)
(Foto: Bildarchiv „Judaica in Meimbressen e.V.“)
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Meimbresser Kinder der Jahrgänge 1919 bis 1922 mit Schulleiter Heinrich Schmittmann vor der Schule an der Westuffelner Straße um 1928

Untere Reihe sitzend 5.v.l.: Kurt Hirschberg, 8.v.l.: Manfred Vorenberg, 9.v.l.: Louis „Ludi“ Goldwein.

Obere Reihe stehend 2.v.r.: Harry Perlstein.

(Foto: Geschenk Lee Mason alias Leopold „Ludi“ Juda / Bildarchiv „Judaica in Meimbressen e.V.“)

Der jüdische Friedhof

Die Existenz eines jüdischen Friedhofs ist seit Anfang des 18. Jahrhunderts belegt. Der älteste bekannte Grabstein stammt aus dem Jahr 1700. Oberhalb des Ortes am Hollenberg gelegen, wurde der Friedhof auf dem Grundbesitz der Familie Wolff von Gudenberg angelegt. Ursprünglich soll er 13.030 qm groß gewesen sein; er diente bis ca. 1845/55 auch u.a. den Juden aus Grebenstein, Zierenberg und Niedermeiser als Begräbnisstätte. 1863 fordert die Gutsverwaltung des Grundherrn die Rückgabe des unbenutzten Teils des Friedhofs, die wohl auch erfolgt ist. Heute umfasst das gesamte Friedhofsgelände mit 7.230 qm nur noch etwas mehr als die Hälfte der mutmaßlichen Ursprungsgröße. Die letzte Beisetzung eines Gemeindemitglieds fand im Januar 1938 statt. In den Jahren der Nazi-Zeit blieb der Meimbresser Friedhof als zentraler „Judentotenhof“ des Kreises Hofgeismar bis mindestens Oktober 1942 geöffnet. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Meimbresser Bürgermeister die „Entwesung“ des Friedhofs und dessen Ankauf durch die politische Gemeinde beantragt, weil „in der hiesigen Gemeinde keine Juden mehr anwesend sind.“ In der Nazi-Zeit wurde der Friedhof im Zusammenhang des Novemberpogroms 1938 geschändet. Gewaltsam umgestürzte Grabsteine mussten nach Kriegsende auf Kosten der politischen Gemeinde im Herbst 1945 wieder aufgerichtet werden. Bis heute sind bei zahlreichen Steinen die Spuren der Friedhofsschändung (herausgeschlagene Tafeln mit den persönlichen Daten der Begrabenen) unübersehbar. 1988 wurde neben dem Eingangstor ein Gedenkstein zur Erinnerung an die in der Shoah ermordeten Meimbresser Jüdinnen und Juden errichtet. Der Friedhof befindet sich heute im Besitz des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen.

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Foto: Bildarchiv „Judaica in Meimbressen e.V.“
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Foto: Bildarchiv „Judaica in Meimbressen e.V.“
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Elieser („Ludi“) Goldwein an den Gräbern seiner Vorfahren 1998
(Foto: Geschenk Eberhard Wolff v. Gudenberg / Bildarchiv „Judaica Hassiaca“ Stadtmuseum Hofgeismar)
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Gedenktafel im Eingangsbereich des Jüdischen Friedhofs in Meimbressen für die in der Shoah ermordeten Jüdinnen und Juden
(Foto: M. Dorhs, 2022)
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